Lehre

In meiner Funktion als Lehrende an der Universität sehe ich mich vor allem in einer gesellschaftlichen Verantwortung stehend. Dabei ist für mich die Universität zweierlei: ein Ort der Erarbeitung neuen Wissens, aber auch ein Ort der Infragestellung allzu sicheren Wissens. Gerade für den Fall des gegenwärtig in gesellschaftlichen Debatten so präsenten, zugleich aber auch so umstrittenen Gegenstandes Religion scheint mir diese Art der wissenschaftlichen Expertise von ganz entscheidender Bedeutung zu sein: Ein differenziertes Wissen, das sich seiner Vorläufigkeit stets bewusst ist, bildet eine wichtige Grundlage dafür, wie später im Hinblick auf Religion Politik gemacht, Partei ergriffen, Urteil gefällt wird. Menschen in dieser Fähigkeit auszubilden, ist aus meiner Sicht daher eine gleichermaßen zukunftsweisende wie gesellschaftlich relevante Aufgabe.

Zugleich muss die Ausbildung im Fach Religionswissenschaft Studierende dazu befähigen, bestehendes Wissen, Praktiken und Institutionen kritisch und entgegen ihren Notwendigkeitsbehauptungen in Frage zu stellen. In Anlehnung an Foucault sehe ich die Aufgabe der/des Intellektuellen an dieser Stelle daher auch darin, „(…) den Menschen zu zeigen, dass sie weit freier sind als sie meinen; dass die Dinge als wahr und evident akzeptieren, die zu einem bestimmten Zeitpunkt in der Geschichte hervorgebracht worden sind, und dass man diese so genannte Evidenz kritisieren (…) kann.“[1]

Jedoch kann bei dieser dekonstruktiven Kompetenz aus meiner Sicht allein nicht stehen geblieben werden. Aus ihr heraus ist in einem dritten Schritt das zu entwickeln, was ich im Hinblick auf religionsbezogene Fragestellungen und Themen Pluralismusbefähigung nennen möchte. Mein Unterricht soll daher einen Raum bieten, in dem Studierende im Dialog mit anderen ihre eigene Position entwickeln und verteidigen können, aber auch konstruktiv mit den Positionen anderer umzugehen wissen.

Dabei befinden sie sich meines Erachtens ebenso im Entwicklungsprozess wie ich selbst, so dass der Unterricht zu einem Ort des gegenseitigen Voneinander-Lernens und nicht eines Von-Mir-Lernens wird. Denn: Da sich Lernen immer besser produktiv-aktiv als rezeptiv vollzieht, sind didaktische Maßnahmen aus meiner Sicht vor allem auf die Ermöglichung eines solchen (inter)aktiven Lernprozesses zu richten: Wissen soll nicht nur vermittelt und dann angeeignet, sondern vor allem aktiv erarbeitet und angewandt werden – mit besonderem Respekt für und Berücksichtigung von den je spezifischen und individuellen Befähigungen einer/s jeden Studierenden. Eine wichtige Ressource stellt dabei das bereits vorhandene Wissen der Studierenden dar, das zum Ausgangspunkt neuen Lernens und über verschiedene didaktische Maßnahmen herausgearbeitet werden kann.

Insgesamt sehe ich meine Aufgabe daher darin, Studierende – ob sie nun eine wissenschaftliche Karriere planen oder ihre universitäre Ausbildung als eine Berufsausbildung sehen – dabei zu begleiten, zu 1) kritisch und differenziert denkenden, 2) kreativ, unabhängig und eigenverantwortlich arbeitenden, 3) sich für den Forschungsgegenstand begeisternden Menschen zu werden.

Als Lehrende habe ich dabei nun vor allem die Prozessverantwortung: Ich trage die Verantwortung für die Bereitstellung eines Rahmens, der optimale Lernbedingungen ermöglicht und zugleich klare Ziele vorgibt.
Von bleibender Bedeutung ist schließlich, in der Lehre deutlich zwischen spezifisch wissenschaftlichen und anderen Kompetenzen und Inhalten zu unterscheiden. Denn die gesellschaftliche Relevanz eines Faches wie der Religionswissenschaft kann sich gerade in einer klaren Markierung dieser Grenze und der damit betonten Freiheit der Wissenschaft und des Selbstwertes wissenschaftlichen Arbeitens erweisen. Gerade wenn sich solches Wissen und solche Kompetenz nicht für andere Zwecke instrumentalisieren lassen, sind sie aus meiner Sicht gesellschaftlich relevant.

[1] M. Foucault: Schriften in vier Bänden, Bd. 4: 1980-1988, hg. v. Daniel Defert/Francois Ewald, Frankfurt a.M. 2005, 960f.

 

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